Wim Wenders

„Ich will sein Werk erfahrbar machen”

Wim Wenders hat einen großen Film über den Künstler Anselm Kiefer gedreht. Wir sprachen mit dem Filmemacher über ihre lange Freundschaft, die Inbrunst beim Malen und die Kraft des Loslassens

Von Simone Sondermann
08.09.2023

Herr Wenders, wenn Sie jemandem begegnen würden, der Sie nicht kennt, abends an einer Hotelbar am anderen Ende der Welt, und er oder sie würde Sie fragen, was Sie beruflich machen. Was antworten Sie?

Ich würde sagen: Ich bin Reisender. Diese Antwort habe ich schon ein paarmal gegeben. Es ist erstaunlich, wie viele Leute das glauben und das für einen ordentlichen Beruf halten. (lacht) Vielleicht würde ich dieser Person an der einsamen Bar auch sagen: Fotograf. Allein unterwegs bin ich vor allem auf meinen Fotoreisen, anders als wenn ich einen Film vorbereite. Ich würde wahrscheinlich spezifischer sagen: Ich bin Landschaftsfotograf. Nicht, dass die Person denkt, ich würde gleich ein Foto von ihr machen wollen. Ich mache ja keine Porträts, das ist nicht mein Ding.

Thaddaeus Ropac, der Galerist von Anselm Kiefer, hat mir erzählt, dass er für ihn einst eine neue Galerie bauen ließ, in Paris, um seine riesigen Formate unterzubringen. In Ihrem neuen Film sieht man Kiefer manchmal mit dem Rad herumfahren, zwischen seinen Leinwänden, oder auf der Hebebühne stehend. Er wirkt in diesen Momenten winzig klein im Vergleich zu seinen Bildern. Was steht für Sie im Vordergrund: der Maler oder sein Werk?

Ausschließlich das Werk. Ich wollte auf keinen Fall ein Biopic machen. Von den biografischen Details waren mir nur die Orte wichtig, wo er gearbeitet hat, zum Beispiel die zwanzig Jahre, die er zuerst im Odenwald verbracht hat, die Hälfte davon als völlig unbekannter Maler. Ich habe selten eine so isolierte Gegend in Deutschland gesehen wie den Odenwald, eine geradezu mittelalterliche Gegend. Die Namen der Orte allein sind schon wie aus Grimms Märchen, eine ganz alte deutsche Kulturlandschaft. Diese Orte haben mir sehr viel bedeutet, weil ich dazu einen Zugang habe, als Landschaftsmaler, äh, ich meine als Fotograf … (lacht) Dass Anselm dort zehn Jahre lang praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemalt hat, war mir wichtig. Oder danach die Studios in Barjac in Südfrankreich, oder bei Paris, wo er heute noch arbeitet …

Das mit dem Landschaftsmaler ist ein interessanter Versprecher, darauf sollten wir später noch mal zurückkommen.

Unbedingt! (lacht) Auf jeden Fall wollte ich auf keinen Fall irgendwas Privates über ihn erzählen. Das habe ich auch bei „Pina“ vermieden und bei meinem Film über Sebastiao Salgado und über den Papst sowieso.

… das sind nur einige Ihrer preisgekrönten Dokumentarfilme. Für den Film über Pina Bausch, der wie der aktuelle über Anselm Kiefer in 3D gedreht wurde, und für „Das Salz der Erde“ über Sebastiao Salgado waren Sie für den Oscar nominiert.

Bei Anselm hat mich interessiert: Wie arbeitet so jemand und wo? Und letzten Endes: Wo kommt das alles her, was er malt? Wenn jemand so überzeugt ist wie Anselm, dass es nichts gibt, was sich der Malerei entzieht, dass es kein Thema gibt, ob Astrologie oder Atomphysik oder Mythologie oder Geschichte, das man nicht malen kann, dann gibt es damit natürlich schon eine Verbindung zur Person. Als ich durch seine riesige Bibliothek gegangen bin und ein paar Bücher aufgeschlagen habe, habe ich gesehen, dass er die wirklich alle gelesen hat, er hat viel unterstrichen, überall liegen Zettel drin. Das sind überwältigend viele Bücher, und er hat sie alle durchgeackert. In dieser Hinsicht ist der Mensch Anselm Kiefer schon Teil des Films, aber ich wollte ihn nicht als ‚Person‘ ergründen.

Obwohl Sie sich schon lange kennen …

Ja, wir kennen uns schon über 30 Jahre lang.

Wim Wenders Anselm
Ein Still aus „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ von Wim Wenders, der am 12. Oktober in Deutschland in die Kinos kommt..© 2023, Road Movies, photograph by Wim Wenders

Hier würde ich gern auf Ihren Versprecher mit dem Landschaftsmaler zurückkommen. Viele Aufnahmen des Films wirken sehr malerisch, ein Mann in Rückenansicht, der in eine Landschaft schaut, das ist ja auch das Plakat zum Film. Da denkt man an die Romantik, an Caspar David Friedrich, den „Wanderer über dem Nebelmeer“. Haben sich bei Ihrem Film im Grunde zwei Maler getroffen?

Unsere gemeinsame Geschichte hat begonnen, als Anselm 1991 in Berlin in mein damaliges Stammlokal gekommen ist, ins Exil, wo ich jeden Abend gegessen habe, weil ich so ein Gewohnheitstier bin. Wenn ich einen Ort mag, dann gehe ich da immer wieder hin. Und dann kommt einer rein, der sich nicht auskennt und sich umguckt, weil er zum ersten Mal da ist. Er hat gefragt, ob er sich an meinen Tisch setzen darf und ob ich was empfehlen kann. Wir wussten, wer wir sind, aber wir hatten uns noch nicht persönlich getroffen. Er kannte auch Filme von mir, und so sind wir ins Gespräch gekommen. Nach dem Essen hat er hat mir eine Zigarre angeboten. Wir haben uns sofort geduzt. Er sagte: Ich weiß ja, dass du eigentlich Maler werden wolltest. Weißt du eigentlich auch, dass ich immer gerne Filme gemacht hätte? Damals hatten wir zum ersten Mal die Idee, etwas zusammen zu machen. Er war dabei, seine große Ausstellung in der Nationalgalerie vorzubereiten, und wir haben uns fast jeden Abend gesehen. Doch danach haben wir uns aus den Augen verloren, weil ich nach Amerika bin und er nach Frankreich gezogen ist. Dennoch blieb die Idee, etwas zusammen zu machen, und wir haben immer mal wieder darüber gesprochen, wenn wir uns wiedergesehen haben. Aber es war nie so richtig ernst gemeint. Bis 2019.

Was mögen Sie an Anselm Kiefer?

Ich finde es faszinierend, dass jemand mit so einer Inbrunst malt. Wenn ich nachts aufwache, dann nehme ich ein Buch und lese was. Oder ich höre Musik. Aber wenn Anselm Kiefer nachts um 3 Uhr aufwacht, geht er in sein Studio und malt vier Stunden lang. Bei Anselm ist die Arbeit das Leben selbst. Ich kann natürlich auch sagen, dass meine Filme mein Leben sind. Aber bei ihm ist das noch mal eine ganz andere Dimension, noch intensiver. Anselm wusste schon als kleiner Junge, dass er gut malen kann. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche, dass er Maler wird. Er hat dann zwar erst Jura studiert, weil er das wohl irgendwie praktisch fand. Das hat mich gewundert, wo er doch wusste, dass er Maler werden würde. Ich wundere mich auch über mich selbst, dass ich Medizin studiert habe …

Dass Sie Medizin studiert haben, würde man bei Ihnen auch nicht unbedingt vermuten.

Es war nur naheliegend, weil mein Vater Arzt war. Jedenfalls haben Anselm und ich tatsächlich im selben Jahr in Freiburg studiert. Wir hätten uns dort schon treffen können, ich habe dort auch Kurse in Kunstgeschichte belegt, den Namen meines Professors kannte Anselm noch.

Wim Wenders Porträt
Wim Wenders im August 2023 in Berlin. © Catherine Peter

Anselm Kiefer ist in Deutschland über viele Jahre eher kritisch rezipiert worden, gemessen an dem Rang, den er heute international einnimmt. Eine Kritik ist, dass bei ihm alles oft zu schwer, zu gewichtig wirkt. Finden Sie, dass es auch Leichtigkeit oder Humor in seinem Werk gibt?

Der Mann selbst hat einen großen Sinn für Humor. Wir haben gemeinsam viel gelacht. Als er den Film zum ersten Mal gesehen hat, hat er erst einmal lange geschwiegen. Er wollte ihn erst sehen, wenn er fertig ist und mir nicht reinreden. Dann hat er gesagt, und das hat mir gut gefallen: „Das ist ja ein super Film für alle Leute, die meine Arbeit lieben. Und es ist ein super Film für alle, die mich ohnehin verreißen. Du hast beiden Futter gegeben.“ Seine Rezeptionsgeschichte über die Jahre ist auch eine voller Missverständnisse. Es war aber nicht meine Aufgabe, das mit meinem Film zu lösen, dachte ich. Ich wollte ja vor allem Zuschauer, die ihn noch nicht so kennen, in seine Welt hineinführen. Und ich wollte keine Meinung über ihn verbreiten, sondern sein Werk erfahrbar machen. Es kann ja nicht jeder nach Barjac reisen, nicht jeder kommt in sein Atelier nach Croissy und in den Palazzo Ducale in Venedig.

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