Vor 140 Jahren zerteilte die Kongokonferenz den afrikanischen Kontinent. Eine hochkarätige Ausstellung in der Völklinger Hütte widmet sich den Verbrechen der Kolonialgeschichte und ändert die Blickrichtung – mit den Mitteln der Kunst
Von
24.02.2025
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Erschienen in
Weltkunst Nr. 237
Eine Umdeutung erfahren auch jene Masken und Holzskulpturen, die das Museum für „The True Size of Africa“ aus Privatsammlungen entliehen hat. Sie werden nicht nur wie üblich gezeigt, sondern in einen Kontext eingebettet. Die Figuren stehen in einem Kreis, als würden sie miteinander sprechen. Oder sie befinden sich in Vintage-Vitrinen, die von sich aus eine Aura von Geschichtlichkeit schaffen. So oder so huldigen sie der Handwerkskunst und Erhaltung von Kulturgütern. Besonders viel Platz wird in der Völklinger Hütte dem Künstler Roméo Mivekannin und seinem 2020 entstandenen Werk „The Souls of Black Folk“ eingeräumt. Von der metallverstrebten Decke der Gebläsehalle hängen 68 Porträts berühmter schwarzer Personen. Da sind unter anderen Kamala Harris, Alicia Keys, Barack und Michelle Obama, Josephine Baker und Malcolm X, sie und noch viele andere malte Mivekannin mit schwarzer Acrylfarbe auf Stoffe, die zuvor mit Seiten des Buchs bedruckt wurden, das namensgebend für seine Installation war – „Die Seelen der Schwarzen“ des US-amerikanischen Historikers und Soziologen W. E. B. Du Bois aus dem Jahr 1903. Es ist eine imposante Ahnengalerie der Mütter und Väter des Kampfes gegen Rassismus und für die Rechte schwarzer Amerikanerinnen und Amerikaner, der bis heute geführt werden muss.
Memory Biwas’ Installation „Ozerandu“ (auf Otjiherero das Wort für die Farbe Rot) befindet sich im Keller der Gebläsehalle. Steigt man die Metalltreppe hinab, sinkt die Temperatur spürbar, und die Luft wird feucht. Der Raum ist lediglich von wenigen Lampen erhellt, in deren warmgetönten Lichtkegeln Schalen mit rotem Sand stehen. Man erkennt Fingerspuren, in unregelmäßigen Abständen liegen dort auch Erzkuchen verschiedener Form und Größe verteilt. Biwa ist neben ihrer Arbeit als Künstlerin auch Historikerin. Ihre Forschung befasst sich mit antikolonialem Widerstand, dem von den Deutschen begangenen Völkermord in Namibia und den Prozessen von Erinnerung und Wiedergutmachung. Sie schuf auch eine Soundinstallation aus Umweltgeräuschen und Gesprächsfetzen, die sie am Computer mit Tondateien kombinierte, welche sie während ihres Aufenthalts im Saarland einfing. Der metallisch brummende Klangteppich, der daraus entstand, vermischt sich mit der schummrigen Beleuchtung und der Feuchtigkeit des Raumes zu einer bedrohlichen und doch vertrauten Atmosphäre.
„The True Size of Africa“ erinnert auch an die sogenannte Kongokonferenz. 1884–85 beschlossen die europäischen Mächte in Berlin die Aufteilung des afrikanischen Kontinents in Kolonien. In den Jahrzehnten, die folgten, begingen die Deutschen in ihren angeblichen „Schutzgebieten“ nicht nur massenweise Mord und Totschlag, sie beuteten die Länder auch nach Kräften aus – speziell bei Rohstoffen. Das Eisenerz wurde zur Verhüttung nach Deutschland transportiert.
Der rote Staub, den die Künstlerin Biwa auf alten Bildern von Völklingen sah, stammte also womöglich aus ihrer Heimat. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man beim Verlassen des Kellers an das Treppengeländer fasst und den gleichen Staub an den eigenen Händen bemerkt. Und man fragt sich: War dies das erste Mal, dass sich die Wege des roten Staubes und der eigenen Geschichte gekreuzt haben?
„The True Size of Africa“,
Völklinger Hütte,
Völklingen,
bis 17. August