Oleksandra Sakorska und Dr. Olena Balun

„Ein Wettlauf gegen die Zeit“

Zwei ukrainische Kunsthistorikerinnen arbeiten seit Kurzem im Team der Liebermann Villa in Berlin. Wir sprachen mit Oleksandra Sakorska und Olena Balun über das Netzwerk Kulturgutschutz und ein Museum, das zwei Kriege überlebte

Von Lisa-Marie Berndt
29.06.2022

Frau Sakorska, Sie haben über zehn Jahre lang im Khanenko-Museum in Kiew gearbeitet. Mit 17.000 Werken, die von der Antike und dem alten Ägypten über westeuropäische Kunst aus Frankreich, Italien und Spanien bis hin zu ostasiatischer Kunst reichen, ist das Bohdan und Varvara Khanenko Museum in Kiew eines der renommiertesten Museen der Ukraine. Was ist das Besondere an diesem Museum?

Oleksandra Sakorska Die Bestände des Khanenko-Museums umfassen insgesamt mehr als 25.000 Objekte. Sie stammen größtenteils aus der Privatsammlung von Bohdan und Varvara Khanenko, die sie der Stadt Kiew geschenkt haben. Als Kosmopoliten und Kunstmäzene gehörten die Khanenkos zu den intellektuellsten Paaren des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in der Ukraine. Sie reisten viel in Europa herum und bauten schließlich eine Villa in Kiew, wo die Sammlung bis heute aufbewahrt wird.

Können Sie schon abschätzen, welche Verluste das Museum erlitten hat?

Oleksandra Sakorska Das Museum überlebte zwei Kriege und versucht nun, einen dritten zu überstehen. Wir können nur hoffen, dass die Verluste diesmal nicht so gravierend sind wie zuvor. Während des Zweiten Weltkriegs wurden zum Beispiel 450 Gemälde geplündert oder zerstört.

Dr. Olena Balun Patrik Graf
„Die Arbeit im Netzwerk Kulturgutschutz ist eine innere Notwendigkeit für mich“, sagt Dr. Olena Balun im Gespräch. „Und es ist ein ständiges Reagieren auf die Situation, die im Krieg oft unvorhersehbar ist. Das und ein Wettlauf gegen die Zeit sind vermutlich die größten Herausforderungen.“ © Foto: Patrik Graf

Frau Balun, Sie sind seit Mai als Mitarbeiterin für die Koordination des Kulturgutschutztes in der Ukraine tätig. Sie koordinieren die Sammlung und den Transport deutscher Hilfslieferungen für den Kulturgutschutz in der Ukraine. Was sind Ihre wichtigsten Projekte? Vor welchen Herausforderungen stehen Sie?

Olena Balun Ich kann das nicht als Projekte bezeichnen. Meine Projekte waren Ausstellungen und Publikationen, an denen ich vor dem Krieg gearbeitet habe, die meisten liegen nun auf Eis. Die Arbeit im Netzwerk Kulturgutschutz ist eine innere Notwendigkeit für mich. Und es ist ein ständiges Reagieren auf die Situation, die im Krieg oft unvorhersehbar ist. Das und ein Wettlauf gegen die Zeit sind vermutlich die größten Herausforderungen. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Zerstörungen sind zu erwarten. In den hart umkämpften Gebieten zählt deshalb jede Stunde bei Evakuierung und Sicherung. Aber auch weniger betroffene Gebiete sind nie vor Angriffen sicher. Also müssen die Institutionen landesweit Maßnahmen treffen. Wir versuchen derzeit das Notwendigste an Verpackungs-, Feuerschutz und Restaurierungsmaterial zu besorgen und möglichst schnell dorthin transportieren zu lassen, wo es am meisten gebraucht wird.

Worin liegen die größten Bedrohnungen?

Olena Balun Die größte Bedrohung sind natürlich gezielte Zerstörungen, wie im Falle des Hryhorij-Skoworoda-Museums …

… das dem Philosophen Hryhorij Skoworoda gewidmete Literaturmuseum, das im Mai bei den Kämpfen um die Region Charkiw zerstört wurde …

… gnau, außerdem Kulturgutraub und Fremdaneignung der Kulturgüter durch Russland, wie es mit mehreren Museen in Mariupol etwa der Fall war. Des Weiteren sind Zerstörungen der Transportwege nach wie vor ein immer wieder auftretendes Problem, das unsere Arbeit erschwert. Aber es gibt auch Probleme mit der Lagerung der Kunstwerke, weil die Sicherungsorte nicht immer die notwendigen klimatischen Anforderungen erfüllen, so dass Gemälde und Grafik nicht selten durch Feuchtigkeit und Schimmelbefall bedroht sind. Man braucht große Mengen an Restaurierungspapier, Entfeuchtungsgeräte und manchmal auch Stromgeneratoren. Wir bemühen uns mit diesen Gütern möglichst rasch zu helfen.

Was wünschen Sie sich von Deutschland und den westlichen Staaten? Wo erhoffen Sie sich mehr Unterstützung?

Olena Balun Ich wünsche mir zwei Dinge: schnelle und wirksame Hilfe ohne Verzögerungen und eine adäquate Wahrnehmung der Ukraine. Das ist flächenmäßig das größte Land in Europa, das man aber sehr lange zeit relativ ignorant behandelte. Es ist aber eine spannende, traditionsreiche Kulturlandschaft, mit schwieriger Geschichte und dennoch eigenständiger Identität, die sich mehrere hundert Jahre geformt hat. Es ist weder ein Anhängsel Russlands noch eine Pufferzone, sondern ein Staat, der selbst entscheiden sollte, zu welchen Allianzen er gehören möchte. Zum Glück ändert sich das Verständnis dafür in den letzten Monaten. Schade, dass es erst durch den Krieg dazu kam, aber immer hin zeichnet sich da eine positive Entwicklung und das ist sehr erfreulich.

Oleksandra Sakorska Ich denke, wir erhalten bereits sehr viel Unterstützung und sind sehr dankbar dafür! Ich wünschte nur, dass all die großartige Hilfe, die angeboten wird, mein Land schneller erreichen würde.

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