Interview mit Ina Brandes

„Wir wollen nicht warten, bis irgendein Gebäude fertig ist“

Ina Brandes (CDU) ist seit Juni 2022 Ministerin für Kultur und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen, wo eine schwarz-grüne Koalition regiert. Wir trafen sie in Berlin zum exklusiven Interview und sprachen mit ihr über Einsparungen im Kulturhaushalt, die soziale Absicherung von Künstlerinnen und Künstlern, das geplante Deutsche Fotoinstitut und kulturelle Teilhabe als Kernfrage von Demokratie

Von Simone Sondermann
20.02.2025

Wie kann die Politik das Thema kulturelle Teilhabe forcieren? 

Wir haben zum Beispiel unser Programm der Forschungsvolontariate in Museen um das Thema der Bildung und Vermittlung mit besonderem Fokus auf Diversität und Teilhabe erweitert. In zwei Runden wurden bislang 51 Forschungsvolontärinnen und -volontäre mit rund 4 Millionen Euro Landesförderung ausgebildet. Auch mit der Förderung „Publikum.Personal.Programm – Kultur divers und inklusiv“ unterstützt das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen Kulturorte dabei, für ein möglichst breites Publikum ein ansprechendes Programm anzubieten. Dafür bekommen die Kulturorte bis zu 100.000 Euro für einen Projektzeitraum von zwei Jahren – insgesamt also eine knappe Million Euro. Darüber hinaus arbeitet das Land eng mit dem IKTF, dem Institut für kulturelle Teilhabeforschung in Berlin, zusammen. Das IKTF hat das Besucherforschungssystem „KulMon“, also Kulturmonitoring, entwickelt. Hier werden in vier repräsentativen Städten Nordrhein-Westfalens in jeweils drei bis vier Kultureinrichtungen über einen Zeitraum von drei Jahren die Besucherinnen und Besucher systematisch auf der Grundlage eines festgelegten Fragenkatalogs befragt. Der Fragenkatalog wird mit meinem Ministerium, den Kommunen und den Kultureinrichtungen abgestimmt, ist aber eben in seinem Grundbestand gleich, damit die Ergebnisse vergleichbar sind. 

In welchen Städten findet das Monitoring statt?

Beteiligt sind die Städte Aachen, Oberhausen, Essen und Herford. Wir haben bewusst Städte ausgewählt, die Ergebnisse liefern, die auf andere Kommunen übertragbar sind. Wir wollen mit der Studie das Publikum in der Tiefe verstehen: Wer kommt in unsere Kulturstätten? Und wie sollten sich die Häuser weiterentwickeln, um relevant zu bleiben – sowohl künstlerisch als auch für die Gesellschaft? Die Kunstsammlung NRW hat jetzt zum Beispiel eine neue Sammlungspräsentation, die mich sofort begeistert hat. Die Ausstellung wird von Texten begleitet, die die klassische Moderne in einer Sprache beschreiben, die einen inhaltlichen Anspruch für Kenner hat und zugleich für Menschen zugänglich ist, die nicht zum Stammpublikum zählen. Kulturbetriebe, die relevant sein wollen, muss es gelingen, sich so auszudrücken, dass jeder und jede unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, körperlicher Einschränkung, Alter oder sexueller Identität teilhaben kann. 

Gerade gab es kurz vor der Bundestagswahl zwischen den Fraktionen im Bundestag noch eine Einigung zur Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Was bedeutet das für Sie als Land? 

Ich bin froh, dass es jetzt zu einer Einigung gekommen ist. Da sind auf den letzten Metern noch ein paar Veränderungen aus Bundessicht reingekommen, die wir in den Ländern so vielleicht nicht aufgeschrieben hätten. Aber der Kern dieser Reform ist wichtig und überfällig. Ich finde die Einigung auch deswegen gut, weil Marion Ackermann als neue Präsidentin jetzt Klarheit darüber hat, unter welchen Rahmenbedingungen sie und ihr Team arbeiten werden. 

 Wie ist generell die Zusammenarbeit mit dem Bund? Wie profitiert das Land NRW davon?  

Das ist bei uns längst nicht so ausgeprägt wie etwa in Berlin. Was im Wesentlichen in Nordrhein-Westfalen ankommt, ist die Unterstützung bei Kulturbauprojekten. Da finanzieren wir häufig gemeinsam, etwa beim Deutschen Fotoinstitut. Außerdem haben die freie Szene und die Soziokultur von der Unterstützung aus dem Bund sehr profitiert. Im Haushaltschaos des Bundes, das wir in den vergangenen Wochen erleben mussten, herrschte große Verunsicherung, wie es mit der Förderung weitergeht. Es ist nun doch noch gelungen, die Unterstützung der freien Produktionshäuser fortzusetzen. Aber die Soziokultur leidet unter den Haushaltsrahmenbedingungen des Bundes. Darüber hinaus arbeiten wir mit dem Bund bei verschiedenen kulturpolitischen Vorhaben wie der Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Restitutionsschiedsgerichtsbarkeit zusammen.  

Haben Sie bundespolitische Ambitionen? Es wird ja demnächst eine Stelle in Berlin zu vergeben sein. 

 (lacht) Herzlichen Dank für die Frage, ich verstehe das jetzt mal als Kompliment! Aber ich mache meinen Job sehr gerne in Nordrhein-Westfalen, und wir haben auch viel zu tun. 

Das Interview ist am 18. Februar zuerst im E-Mail-Briefing WELTKUNST INSIDER erschien. Hier geht es zur Anmeldung.

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